Entwicklung und Technik - Internet für Ostafrika

Mir fällt gerade unangenehm auf, dass es hier kein "Technik"-Menü gibt, obwohl doch Technik-Geschichte-Kultur und Entwicklung ein untrennbares Vieleck bilden, oder nicht?

Dazu gleich ein Buchtipp: Johannes Rohbeck (Philoprof an der TU Dresden): Technik-Kultur-Geschichte, Eine Rehabilitierung der Geschichtsphilosophie, Suhrkamp TB, Frankfurt a. M., 2000.

Rohbeck analysiert ausgesprochen profund die Geschichtsphilosophie der letzten 300 Jahre und dabei das Entstehen des Begriffs "Fortschritt", mit all seinen Gegnerschaften, die - wie das Posthistoire oder die negative Aufklärung Adornos/Horckheimers - ein Ende der Geschichte (1) prophezeiten. Der Grund dafür ist je nach argumentativer Nuance entweder die totale Marktdurchdringung, die Dominanz des Technischen, die Industrialisierung der Lebenswelt und sogar des Wissens (Stichwort: Wissensmanagement); in jedem Fall aber das Enden kultureller Originalität und Entwicklung.

Dieser Auffassung stellt Rohbeck mit starken Argumenten die Theorie des Überschusses gegenüber, die besagt, dass wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung immer genau dann passiert, oder wenigstens potentiell angelegt ist, wenn über eine bestimmte Produktionsleistung hinaus ein Überschuss angespart oder aufbewahrt werden kann, der den notwendigen Spielraum für (individuelle oder kollektive) "Experimente" bietet.  Dadurch lassen sich neue Kulturtechniken, Rituale oder Organisationsformen erstellen, die wiederum auf den Bereich des Ökonomischen zurückwirken und eine Fortschrittsdynamik entstehen lassen. Beispiele seien im Kleinen die mögliche Verwendung eines Schraubenziehers zum Schrauben drehen, als aber auch zum Fixieren von anderen Dingen, etc. Im Grossen die Möglichkeit etwa überschüssiges Getreide sorgfältig aufzubewahren, damit auch in Krisenzeiten vorhanden ist,...

Knackpunkt ist aber die jeweilige Originalitätsleistung, die damit noch nicht erklärt ist.

Kommen wir zu Afrika, zu seiner Entwicklung: Es gibt die durchaus ernst gemeinte und ebenso radikale These, die besagt, dass die einzige Entwicklungsleistung die dieser Kontinent bräuchte, darin bestehen sollte, ausreichend Internet, eigenständige Medien, Drucker, Papier, Schreibfähigkeit (in lokaler Sprache), usw. zur Verfügung  zu stellen, weil dann endlich einmal selbst eine Identität der AfrikanerInnen gefunden werden könnte. Alle andere "Hilfe" (bzw. abhängigmachende Manipulation) sollte dagegen eingestellt werden. Nun: Ostafrika hat bislang nicht mal eine Anbindung an ein Internet! Es gibt einzig Satelltitenverbindungen, und auch die werden - so sie schon sauteuer und langsam sind - bei Sturm und natürlich Stromausfall oft abgestellt. Es gibt keinerlei e-commerce und natürlich ist dies in Zeiten wie diesen für uns schon fast unvorstellbar.

Doch Kooperationen unter den "Rotes-Meer-Anrainerstaaten" (diese politische Gruppierung gibt es - noch? - nicht) machen es möglich, und so werden gerade 32.000 km Glasfaserkabel along Ostafrika verlegt, die eine vernünftige Anbindung an die Welt ermöglichen sollen. Kann damit eine technische Kulturleistung provoziert werden? Kann das Internet dadurch zu Überschusskapazitäten, Originalität aus Experiment und damit Entwicklung beitragen? Oder folgt wiedermal nur die Übernahme eines industrialisierten Marktmodells?

 

Interessant auch die wiederholte Meldung über Shell und die aussergerichtliche Einigung, bzw. Eingeständnis (es war das erste Mal überhaupt, dass es eine solche Klage vor Gericht schaffte).

Wer kennt die Geschichte nicht vom Kampf Ken Saro-Wiwas in Nigeria ? Hier hilft wohl nur der Boykott von Shell, dazu rufe ich schon lange auf!!

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(1) Vgl. Das Ende der Geschichte, gleichnamiges berühmtes und kontroverses Buch des ehemaligen Studienleiters der Johns Hopkins-University: Francis Fukuyama, 1996. Darin wird nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus nun der totale Triumph der freien Marktwirtschaft verkündet - mit ein Grund übrigens, für das Entstehen der zur gegenwärtigen Krise führenden blauäugigen Massenspekulation.