Gedanken zur Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeit, langfristiges Denken, zyklische Wiederverwendung und -Verwertung von Produkten; all dies wird momentan als Lösungsweg aus der kapitalistischen Systemkrise propagiert. Doch sollten wir einmal genauer nachdenken - nicht nur, warum dies überhaupt aufgekommen ist und wer denn eigentlich diese Ideen vertritt, sondern vor allem auch, was denn dieser längerfristige Konsum eigentlich bedeutet. Das Problem an der Sache ist, dass hier (mindestens) zwei Grundinteressen die argumentative Klinge kreuzen.
Folgende Prämisse wird für beide als gültig erklärt: Der (angeblich freien, obwohl doch gesetzlich stark geschützten - vgl. WTO-Vertragswerk) kapitalistischen Marktwirtschaft liegt dem Wesen nach die Dynamik von Geld-, Zins-, und Schuldschöpfung, wie ebenso deren Vernichtung zu Grunde. Dies all tendiert zu einem permanenten Hierarchiewettlauf um die „maktbeherrschende" Stellung (in Wahrheit handelt es sich wohl eher um die totale Übernahme der privatökonomischen Selbst-Disziplinierung) des Monopols. (1) Wachstum und Konsumation sind also im wahrsten Sinn des Wortes unabdingbar.
Nun wurden aber nach langen Jahrhunderten der Entgrenzungen erstmals globale Begrenzungen sichtbar, wie vor allem die globale Umweltsituation zeigt, (gesetzt die Warnungen stimmen). Die uneingeschränkte Konsumation und Wachstumsapologetik ist an ihre Grenzen gekommen. So geht es nicht weiter, hört man nur allzu oft.
Da kam die glorreiche Idee der Nachhaltigkeit auf, die besagt, dass der gesamte Kreislauf entschleunigt, respektvoller, dezenter und Mittel sparsamer zum Einsatz kommen sollen, um die „Ressourcen zu schonen". Diese an die Effizienz des Mitteleinsatzes appellierende „Vernunft" (so sie eine ist), stammt allerdings selbst aus der ökonomischen Sprache und Weltsicht. Aber wird der Mensch geschont, oder nicht viel eher das System an sich, wenn von Ressourcenschonung die Rede ist?
Hier finden wir den ersten Strang der Interessensvertreter: Im potentiellen Markt der Nachhaltigkeit liegen sowohl viel Geld als auch Arbeitsplätze und Einfluss. Was passiert denn nun, wenn durch weniger - oder sparsameres Reisen, wenn durch den Einsatz von Strom-, und Geld sparenden Glühbirnen, wenn durch länger verwertbare Materialien wie Kleidung, etc... vor allem eine Ressource geschont wird: das eigene Börsel ??
Richtig, in einem sonst wenig veränderten Umfeld wandert das so gesparte Geld direkt in andere Investitionen und das eigentlich intendierte Konsumeinschränkung mündet - zum Wohle aller Wirtschaft - wieder genauso wie als zuvor: in Wachstum!
Dem gegenüber stehen in der Argumentation natürlich jene, die an ausbeuterischen Möglichkeiten, wie sie derzeit gegeben sind, a priori tatsächlich interessiert sind. Das Spektrum ihrer Beiträge reicht von Negation der endlichen Wachstumsdogmatik, über Leugnung von Umweltproblemen, bis zu ein Ende der Krise prophezeienden Mutzusprüchen (etwa: Jetzt erst recht konsumieren oder gar spekulieren!).
Der denkende und fühlende Mensch dagegen, wird zwar die Bewusstseinsänderung der Richtungsintention „Nachhaltigkeit" goutieren, aber die längst erfolgte Durchdringung des Sujets mit ökonomischem Neusprech und entsprechenden Interessen konstatieren.
Wir rasen wie ein Auto mit rund 100 km/h auf eine Wand zu und die einzige Reaktion darauf ist also ein Abbremsen auf 80 oder 60 km/h, doch kein Stillstand- und schon gar kein Retourmanöver.
Ich stelle fest: Man hat es also geschafft, Augenauswischereien den Status der Nachhaltigkeit zu attribuieren. Doch noch ist alle Hoffnung der Laster Anfang....
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(1) Zusammen mit der geistigen Grundlage, dem Werk Nietzsches, hat sich im Denken Michel Foucaults eine Denkrichtung eröffnet, die es - endlich - schaffen kann, die Sphäre des individuellen Psychologismus, bzw. das Einwirken der Gesellschaft, Religion, Kultur darauf mit den grossen Mächten Ökonomie und Politik zu verbinden.
Die grundlegende und geniale These ist, dass das Strafwesen der, früher: absoluten Herrscher, heute: Staaten oder Bürokratien, eine zentrale Komponente der gesellschaftlichen Ordnung ist, die untrennbar verbunden mit Ökonomie und Disziplinierung des Sozialen steht.
Der Clou ist, wenn die Logik der Hierarchie, durch Normierung, Messung und Vergleich und damit durch prädeterminierter „Leistung" zu ökonomischer Effizienz führt, dann ist der Zwang zur Monopolisierung unausweichlich. Auf dieser Ebene gibt es keine freie Wirtschaft, nicht nur weil bestimmte Regeln immanent sind, sondern weil ganze Vertragswerke wie der acquis communautaire oder eben das der WTO den Markt erst konstituieren, schützen und bis ins Detail regeln. Hier aber wird - Foucault weiterdenkend - jegliche Zentralisierung der Macht unausweichlich. Diese postulierte, verlogene, Freiheit führt also unausweichlich in ihr eigentliches Gegenteil, nämlich in die Macht einer starken Hand, die gerade durch Auto-Disziplinierung (also Messung, Normierung und Vergleich) der berühmten ordnenden unsichtbaren Hand erstaunlich nahe kommt.
Vgl. Karl Jaspers' Diktum vor 50 Jahren: "Von der Demokratie zur Parteienoligarchie, von der Parteienoligarchie zur Diktatur..."