Die Ideologie der komparativen Kostenvorteile

Wer kennt es nicht, das Ricardo-Theorem? Gleich vorweg: Es ist bereits seit Jahrzehnten wiederlegt. Doch das wird verschwiegen und ist nur wenigen bekannt. Wiederlegt, oder zumindest extrem eingeschränkt in seiner Aussagekraft, wird es durch das sog. Graham-Paradoxon. Dieses lässt sich nur in einer Handvoll, zumeist veralteter, Lehrbücher noch auffinden...Zum Kanon orthodoxer und va. anglo-amerikanischer Ökonomie gehört es jedoch nicht. Doch zunächst das Ricardo'sche Modell, benannt nach dem Briten David Ricardo (1772-1823):

"David Ricardo veröffentlichte 1817 Principles of Political Economy and Taxation und entwickelte die Theorie der komparativen Kostenvorteile, einem Kernpunkt der Außenhandelstheorie und begründete somit das ricardianische Außenhandelsmodell. Nach Ricardo lohnt sich Außenhandel für alle Volkswirtschaften, auch für jene, die gegenüber anderen Staaten bei allen Gütern Kostennachteile haben. Weil jedes Land den größtmöglichen Güterertrag erzielt, wenn es die Produkte mit den geringeren Arbeitskosten selbst herstellt und die übrigen Güter im Austausch bezieht, wobei schon die relativen Kostenvorteile die internationale Arbeitsteilung und ihre weitere Spezialisierung gewährleisten." (1)

Diese Theorie bildet, im Übrigen zusammen mit der Absolutsetzung des Rational-Empirischen, des Glaubens an "natürlichen Mangel", malthusianischen Bedrohungsszenarien und Fortschrittsideen (fussend va. auf Condorcet's Schriften, die bei Hegel, Marx und Co. weiterverwurschtelt wurden), den ideologischen Grundstock unserer gegenwärtig hegemonialen Ökonomie- "Wissenschaft".

Wie lässt sich das Ricardo-Theorem erläutern? Ich zitiere hierzu die Studienrichtungsvertretung der Volkswirtschaftslehre, Universität Wien:

"Freier Handel - Bessere Welt? (2)

Vom Nachteil komparativer Vorteile

Immer wieder fühlen sich populäre Zeitschriften wie auch der Economist (1) bemüßigt, uns zu erklären, warum der freie Welthandel für alle Menschen und Länder gleichermaßen gut und wünschenswert ist. Als Standard-Argument für den freien Handel wird gerne auf die Theorie der komparativen Vorteile beziehungsweise komparativen Kosten von David Ricardo zurückgegriffen. Bereits im Jahre 1817 lieferte er "einen begeisternden Beweis dafür, dass sich die internationale Arbeitsteilung für jedes Land lohnt". (2)

Das Modell

In guter ökonomischer Tradition hält Ricardo sein Modell möglichst einfach. Seine Welt beschränkt sich auf zwei Länder, A und B (3), die je zwei Güter4 produzieren (z.B. Getreide und Computer). Alle Kosten werden in Arbeitsstunden gemessen. In einem Jahr kann eine Arbeiterin des Landes A zwei Einheiten Getreide oder vier Einheiten Computer produzieren. Eine Arbeiterin des Landes B kann im selben Zeitraum lediglich eine Einheit Computer oder eine Einheit Getreide produzieren. (5) Um die Erklärung kurz zu halten nehmen wir an, dass jedem Land 100 Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, die zu gleichen Teilen in beiden Industrien arbeiten. Das Land A kann also 200 Einheiten Computer und 100 Einheiten Getreide p.a. produzieren, während Land B lediglich je 50 Einheiten p.a. von beiden Produkten produzieren kann.
Land A hat in unserem Beispiel also einen absoluten Produktionsvorteil in beiden Industrien, da es beide Güter billiger als Land B produziert. Obwohl dem so ist, profitiert Land A vom Handel mit Land B. Denn es sind nicht die absoluten Kosten die zählen, sondern die relativen. Land A hat einen größeren relativen Vorteil in der Produktion von Computern (es ist hier viermal so effizient), als in der Produktion von Getreide, in der es lediglich zweimal so effizient ist im Vergleich zu Land B. Der komparative Vorteil des Landes A liegt in der Computerherstellung, während Land B einen komparativen Vorteil in der Produktion von Getreide hat.Nun profitieren, Ricardos Theorie folgend, beide Länder davon, wenn sich jedes Land auf den Produktionsbereich spezialisiert, in welchem es einen komparativen Kostenvorteil besitzt, und wenn die beiden Länder Handel treiben. Was hier in der Box gezeigt wird, stellt zuerst die Steigerung der Weltproduktion durch Spezialisierung dar, wenn Land A 10 Menschen, die vorher mit der Getreideproduktion beauftragt waren, nun Computer produzieren lässt und wenn in Land B 25 Menschen, die zuvor Computer produziert haben, nun angehalten werden die Felder zu bestellen. Doch nicht die Produktion, sondern der Konsum zählt. Beide Länder können sich an mehr Computern und Getreide erfreuen, wenn sie unter Bedingungen Handel treiben, die beiden Ländern zugute kommen. Importiert Land A Getreide, dann wird es nicht mehr als 2 Einheiten Computer für eine Einheit Getreide bezahlen, da es ansonsten günstiger wäre im eigenen Land zu produzieren. B wiederum ist nicht bereit mehr als eine Einheit Getreide für einen Computer an Land A zu bezahlen. Nehmen wir an, dass die "terms of trade" also das Verhältnis von Export- und Importpreisen, eineinhalb Computereinheiten pro Getreideeinheit betragen und dass 33 Computer für 22 Getreideeinheiten getauscht werden.

Schlussfolgerungen

Es ist nun [...] leicht zu erkennen, dass beide Länder vom Handel profitieren. Weiters liegt der Schluss nahe, dass Importkontingente und Zölle, zum Schutz der (vielleicht erst im Aufbau befindlichen) eigenen Industrie und unter Umständen auch der ArbeiterInnen errichtet, in Wirklichkeit zu einer Senkung des Realeinkommens führen und der "gesamten Welt" schaden zufügen.
Nun liegen aber jedem Modell Annahmen zugrunde, die vieles in einem nicht so himmelblauen Bild erscheinen lassen wie bisher. Von der mehr oder minder absurden Annahme der totalen Flexibilität, die es ohne größere Umstände ermöglicht. Arbeiterinnen aus einem Industriezweig in einen anderen zu überstellen, einmal abgesehen, gibt es doch einen zentralen Kritikpunkt, den ich nun vorstellen möchte: Dass diesem Modell konstante Skalenerträge zugrunde liegen, das heisst die Produktivität nicht von der produzierten Menge abhängt, wird nur allzu gerne verschwiegen. Angenommen in unserer Welt mit 2 Ländern werden wiederum lediglich 2 Güter produziert. Ein Gut hat steigende Skalenerträge vorzuweisen (zB ein Industrieprodukt wie Computer) , ein anderes sinkende Skalenerträge (zB ein landwirtschaftliches Produkt (6). Jenes Land, welches nun einen komparativen Vorteil in der Industrieproduktion aufzuweisen hat, darf sich glücklich schätzen, da es mit dem angenehmen Fall von steigenden Profiten bei Vergrößerung des Outputs konfrontiert wird. Die Produzentin von Getreide wird wohl oder übel schwindenden Gewinnen gegenüberstehen. Das entstandene Szenario hat nun auch einen Namen, es nennt sich Graham Paradoxon und wurde bereits in den 20er Jahren dieses Jahrhunderts präsentiert. Jacob Viner, ein Ökonom der Chicagoer Schule, wollte nicht so recht glauben, was ihm hier präsentiert wurde, präzisierte (7) in seiner Publikation jedoch nur das bereits durch Graham zu Papier gebrachte.

Dramatisch ist dieses Ergebnis aber anscheinend nicht wirklich. Ricardos Theorie stellt weiterhin ein begeisterndes Plädoyer für den freien Handel dar, und vom Graham-Paradoxon hat man auch in der zur Zeit stattfindenden Aussenhandelstheorievorlesung nichts gehört. Solange gar nicht auf die Idee gekommen wird, Kritikpunkte an einer Theorie ebenso ausführlich zu behandeln wie die Theorie selbst, scheint doch alles in bester Ordnung - Die Dritte Welt liefert billig Rohstoffe (wobei die Nachfrage trotz minimaler Kosten relativ konstant scheint), während die Industriestaaten fleißig Konsumgüter produzieren. Dass dieses System zwangsläufig zu einer Dramatisierung der wirtschaftlichen Widersprüchlichkeiten zwischen erster und dritter Welt führt [...]. Dass es unter Umständen doch sinnvoll sein könnte Importzölle (8) zum Aufbau einer diversifizierten industriellen Struktur (Stichwort: Importsubstitution und Abkehr von Export-Monokultur in Form von Rohstoffen) einzuführen, sollte zumindest ungestraft gedacht werden dürfen."

1 Economist Vol 349;Nr. 8088 Survey World Trade ppf 4
2 Paul A. Samuelson, Volkswirtschaftslehre 8. Auflage S. 639
3 Ricardo selbst erklärte oder besser "rechtfertigte" mit seinem Modell vielmehr die Handelsverträge, die Portugal von englischer Seite her aufgezwungen wurden und unter anderem den wirtschaftlichen Niedergang Portugals beschleunigten.
4 Es sei bemerkt, dass die Theorie der komparativen Kosten natürlich auch für den n-Länder und n-Güter Fall zur Anwendung herangezogen werden darf
5 Dieses Beispiel wurde nur mit geringfügigen Änderungen und selbstverständlich in schwungvoller Übersetzung dem in Fußnote 1 bezeichnetem Survey entnommen. Weitere Beispiele dieser Art sind in beinahe allen Lehrbüchern der VWL die sich mit der Aussenhandelstheorie (auf einführendem Niveau) beschäftigen zu finden.
6 Ricardo hat auch Berechnungen bzgl der Bodenrente angestellt und selbstverständlich erkannt, dass bei einer Ausweitung der landwirtschaftlichen Produktion schlechtere Böden bearbeitet werden müssen und dementsprechend höhere Kosten anfallen.
7 genauere Angaben lagen zur Drucklegung nicht vor.
8 Diese sollten allerdings bei gegebener Entwicklung der Industrie fallen"

 

 --> Für eine Darstellung des Graham-Paradoxes siehe bitte das sowieso schwerst empfehlenswerte Buch von Kunibert Raffer, Prof. an der VWL, Wien, sowie Hans Singer, Ökonom: "The Economic North-South Divide: Six Decades of Unequal Development", Edward Elgar Publishing, 2002, ISBN-13: 9781843760887, 304pp.

--- > In dem genannten Buch wird darüber hinaus ausführlich die Thematik der Verschuldung   von so genannten "Entwicklungsländern", das Phänomen der Phantomschulden und die  möglichen Verfahren für Staatsinsolvenzen zur Sprache gebracht. Es lohnt sich allemal, sich mit diesem Thema in aller Tiefe zu befassen: So stellt doch die "Ver-schuldung" (welch absurder Begriff!) - theologisch gesprochen - den Ursündenfall und den Beginn aller Bringschuld der Menschheit dar. Der ganze als Kapitalismus benannte Kreislauf der Umverteilung von irrealen Nichtwerten zu "Wertbesitz" genannten Realitäten (ja, das trifft sich mit dem Immobilien-Begriff ganz gut) der reichsten 500 beginnt ab dem Tag der Verschuldung. In Österreich und Deutschland sind dies ungefähr schon 20.000 € - vor deiner Geburt! 

Doch das kam nicht von Ungefähr: Eric Toussaint, Präsident des Kommittees zur Abschaffung der Dritte Welt-Schulden (http://www.cadtm.org/ - super Seite!), hat in einer umfangreichen Studie die Machenschaften der Weltbank insbesondere die gezielte Vorbereitung und  Verschuldung ganzer Regionen und Länder geschichtlich zusammengefasst und ökonomisch-wissenschaftlich abgehandelt. Mir liegt (leider) nur die spanische Version vor: Toussaint, E.: Banco Mundial, El golpe de estado permanente, Abya Yala, Quito, 2006.

(Die frz. Version gibt es unter:"Banque mondiale: le Coup d'État permanent. L'agenda caché du Consensus de Washington", Liège, Paris, Genf (CADTM, Syllepse, Cetim), 2006)

Ich empfehle insbesondere die letzten Kapitel, nach deren Lektüre die Welt garantiert mit anderen Augen gesehen wird!

Zur Einführung ein Artikel des Autors aus der dt.-sprachigen "Le monde diplomatique" vom Juni 2007: Sechs gegen die Weltbank: Die Bank des Südens als Alternative für Lateinamerika von Eric Toussaint und Damien Millet: http://www.monde-diplomatique.de/pm/2007/06/08/a0012.text.name,askISxwHB...


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(1): http://de.wikipedia.org/wiki/David_Ricardo [05.07.09].

(2): http://www.univie.ac.at/strv-vwl/zeitung/1298/nachteile.html [05.07.09].